Poster sind wie eine demografische Reise durch die Zeit
Es muss nicht immer Andy Warhol sein: schon beim ersten Gedanken an das Wort “Poster” werden bei den meisten Leuten um 30 heutzutage wohl eher lebhafte und schillernd bunte Jugenderinnerungen wach. Aber auch die etwas jüngere Generation erinnert sich mit einem verträumten Grinsen retrospektiv an manche Geschmacksexzesse der 1980er (Madonna, Depeche Mode, Michael Jackson, Prince) und 1990er (New Kids On The Block, Jason Donovan, Take That, Backstreet Boys, N’Sync) Jahre.
Passend zu grell krachender Dancefloor Music aus den Genres Rock, Pop, Rap, Hip-Hop, Techno, Trance und Rave und flimmernd illustrierten Musik-Videoclips der frühen MTV-Jahre lieferten Jugendmagazine wie Bravo, Popcorn oder Young Miss die zugehörige Individualtapete für das stilechte Jugendzimmer. Besonders ärgerlich waren Wende- Poster mit zwei attraktiven Motiven auf beiden Seiten, die einen Teenager glatt zum verzweifelten mehrfachen Erwerb der gleichen Zeitschriftenausgabe zwingen konnten, um am Ende nicht gar noch vor den Altersgenossen als Spießer und Knauser dazustehen.
Unvergessen auch die vielen Eselsohren, Reißzweckenlöcher, Tesastreifenreste, Kalkspuren, Fettflecken und Risse in den Postern, nachdem es im ach so gemütlichen Zimmer mit Freund oder Freundin wieder etwas heftiger zur Sache gegangen war. Wer möchte die Zeiten missen?
Damit aufwendig auf dicken Hochglanz-Karton produzierte Poster für Erwachsene heutzutage auch den Strapazen eines aktiven Haushaltes über Jahre unbeschadet überstehen können, gehen viele ehemalige Jugendliche sogar soweit, die Motive aus den zwei oder drei entscheidenden Jahrzehnten ihres Lebens wie einen Helmut Newton oder den Druck eines Van Gogh hinter Glas einzurahmen.
Sobald diese Bravo-Generation das gesetzte Alter von wohlgenährten Vollzeitverdienern erreicht hat, stehen die Chancen nicht schlecht, dass sie das Musik-Poster kurzerhand zum gleichberechtigen Kunstobjekt der Popkultur erklären lässt, Seite an Seite mit den avantgardistisch viergeteilten Seriensiebdrucken von Andy Warhol. Der Aktionskünstler hätte sicher als allerletzter Mensch auf der Welt etwas gegen eine solche Entwicklung einzuwenden gehabt. “Art is for the masses”. Die Bravo-Kinder danken Dir, Andy!